Drucken

Aktuelle Empfehlungen

Autor
Senkel, Matthias

Dunkle Zahlen

Untertitel
Roman
Beschreibung

Dunkle Zahlen ist eine kybernetische Groteske. Hier gehen Fachsprachen eine fröhliche Mischung mit literarischen Phrasen ein, und Computerprogramme werden als die neue sowjetische Lyrik gefeiert. Dabei geht es auch inhaltlich immer um Computer, ihre frühen Vorläufer und den sowjetischen Staat und sein Interesse an hochleistungsfähigen Rechenmaschinen. Im Mittelpunkt aber stehen die Literatur und ihre sprachlichen Algorithmen, deren Verbindungen mit dem Computern und ihren Programmen vielfältiger sind, als man auf den ersten Blick annehmen möchte.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse Sparte Belletristik
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Matthes & Seitz, 2018
Format
Gebunden
Seiten
488 Seiten
ISBN/EAN
978-3-95757-539-5
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Matthias Senkel, 1977 in Greiz geboren, lebt mittlerweile in Leipzig. 2012 erschien sein Debütroman Frühe Vögel (Aufbau Verlag), der mit dem Uwe‑Johnson‑Förderpreis und dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Mit Dunkle Zahlen ist er nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018.

Zum Buch:

Dunkle Zahlen ist eine kybernetische Groteske. Hier gehen Fachsprachen eine fröhliche Mischung mit literarischen Phrasen ein, und Computerprogramme werden als die neue sowjetische Lyrik gefeiert. Dabei geht es auch inhaltlich immer um Computer, ihre frühen Vorläufern und den sowjetischen Staat und sein Interesse an hochleistungsfähigen Rechenmaschinen, die er nicht zuletzt für die Staatssicherheit, die Prävention von Verstößen gegen die staatliche Ordnung und „Antisubversions“-Kampagnen einsetzen will. Im Mittelpunkt aber stehen die Literatur und ihre sprachlichen Algorithmen, deren Verbindungen mit dem Computern und ihren Programmen vielfältiger sind, als man auf den ersten Blick annehmen möchte.

1985 findet eine Spartakiade junger Programmierer aus der Sowjetunion und all ihrer Bruderländer in Moskau statt. Dass der sowjetische Geheimdienst den Wettkampf nutzt, um junge Informatiktalente an Lösungen für die sowjetische Staatssicherheit arbeiten zu lassen, wird dem Leser nach einer Weile klar. Ob es aber tatsächlich nur der Staat ist, der hier lenkend eingreift, wird für die kubanische Übersetzerin Mireya spätestens dann fragwürdig, als sie auf der Suche nach der verschollenen kubanischen Mannschaft junger Programmierer auf unerwartete Schwierigkeiten stößt. Ihre Suche führt sie von einer Kommunalwohnung bis zu einer Party des kubanischen Botschafters, auf der sich ihr Körper nach Anwendung einer Zaubersalbe in den einer Möwe verwandelt. Die Geschichte der Spartakiade und der grotesken Suche Mireyas ist aber nur einer von vielen Plot-Strängen in Senkels Roman, in dem Geschichte, Zeiten und Räume in einem fort wechseln – vom 19. Jahrhundert bis ins Jahr 2023, von Leningrad und Moskau bis in erfundene sibirische Ortschaften – und immer wieder direkt und indirekt auf die Geschichte der russischen Literatur angespielt wird.

Formal zieht Senkel alle Register. Es beginnt mit einer grotesken Herausgeberfiktion: Das Buch, das der Leser in Händen hält, ist in Wahrheit ein Poem, geschrieben von einem Computer mit dem Namen GLM-3 („Golemartige Literaturmaschine“); Senkel hat lediglich die Übersetzung ins Deutsche besorgt. Man mag sich über weitere Experimente freuen, etwa über ein Kreuzworträtsel, ein Witzarchiv, eine fiktive Dichterbiografie über den Erfinder der russischen Automatendichtung samt Wikipedia-Artikel und über einen Comic mit leeren Panels, die in den Roman integriert sind und die Geschichte auf ihre Weise weitererzählen. Das formal Interessante an dem Roman aber ist vielmehr die hybride Verwendung von Spezialdiskursen, Sprechweisen und das Spiel mit dem Akustischen und Visuellen in der literarischen Darstellung. Abgehörte Gespräche werden aufgezeichnet, einschließlich aller unverständlichen Wörter. Ein Betrunkener verliert mit zunehmendem Rausch die Fähigkeit, Vokale zu sprechen – für den Leser gehen sie ebenfalls verloren. Die Perestroika kündigt sich mit einem sich auffächernden Stapel Zeitungen an: „UmUmbaUmUmbau.“

Aus jeder Seite strömt einem die Freude an der Fachsprache und dem Spiel mit absurden Akronymen entgegen – und das bezieht sich nicht nur auf den Jargon der Informatiker. Für die einen mag das in seiner Versessenheit auf Details, die noch dazu natürlich nicht immer verständlich sind, ermüdend sein. Für die anderen, die es nicht darauf anlegen, jeden Winkelzug im Einzelnen nachzuverfolgen (was im Übrigen viel Rechercheaufwand bedeuten würde), eine herrliche Revue der Spezialsprachen, die nacheinander in ihren jeweiligen Kostümierungen auftreten und das Zeitalter der Spezialisierung inszenieren. Zugleich aber wird noch etwas ganz anderes inszeniert: die Fähigkeit der Literatur, ein solches Stimmengewirr aufzuführen und darüber die Sprache der Literatur zu hinterfragen – etwa indem Spezialsprachen eine groteske Mischung mit literarischen Phrasen eingehen.

Die Lektüre verlangt deshalb eine ganz eigene Art des Humors vom Leser – den Humor des Nerds –, oder aber die Fähigkeit, dem Spezialistentum etwas sowohl Faszinierendes als auch Komisches abzugewinnen, sich zugleich aber an der kritischen Betrachtung jeder Sprachwendung zu freuen. Andererseits mag es auch an der exzessiven Verwendung von Fachbegriffen liegen, die den Wortschatz eines jeden übersteigt, dass das Misstrauen des Lesers dem Text gegenüber beständig wächst. Immer wieder nämlich beschleicht ihn das Gefühl, er halte tatsächlich ein von einer Maschine geschriebenes Poem in Händen, wobei die Häufigkeit der Verwendung von Worten ganz offensichtlich nicht richtig berechnet wurde. Und tatsächlich mehren sich gegen Ende Hinweise darauf, dass es ein Computer ist, der hier erzählt – und er erzählt sicher nicht für einen menschlichen Leser. Ein Glück, dass wir das Buch trotzdem lesen dürfen.

Alena Heinritz, Graz