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Autor
Lançon, Philippe

Der Fetzen

Untertitel
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Beschreibung

Zwölf Menschen starben am 7. Januar 2015 bei dem islamistisch motivierten Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Der Anschlag richtete sich gezielt gegen die Meinungsfreiheit und erschütterte Europa tief.

Philippe Lançon war Zeuge und Betroffener, als gegen 11:25 Uhr zwei vermummte Attentäter die Redaktionssitzung stürmten und ohne Vorwarnung fast alle Anwesenden erschossen. Lançon überlebte mit schweren Gesichtsverletzungen, verbrachte die folgenden Monate im Krankenhaus und unterzog sich unzähligen Operationen. »Der Fetzen« ist die Schilderung der dem Attentat folgenden Wochen und Monate.

Beeindruckend ist dabei nicht nur die absolute Offenheit und Schonungslosigkeit in der Schilderung des Erlebten, sondern auch die vollständige Abwesenheit von Hass. Dem übergeordneten und fast abstrakten Fanatismus der Attentäter, setzt Lançon mit seinem Buch ein extrem persönliches und auch deswegen unbedingt lesenswertes Zeitzeugnis entgegen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Tropen Verlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
551 Seiten
ISBN/EAN
978-3-608-50423-1
Preis
25,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Philippe Lançon, geboren 1963 in Vanves, schreibt als Journalist und Literaturkritiker für die französische Zeitung »Libération« und das Satiremagazin »Charlie Hebdo«. Am 7. Januar 2015 überlebte er schwerverletzt den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und verarbeitete seine Erfahrungen literarisch in »Der Fetzen«.

Zum Buch:

Zwölf Menschen starben am 7. Januar 2015 bei dem islamistisch motivierten Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Der Anschlag richtete sich gezielt gegen die Meinungsfreiheit und erschütterte Europa tief. „Je suis Charlie“ wurde zum Slogan der Solidaritätswelle, die damals wochenlang in vielen Ländern durch die Presse und die sozialen Medien schwappte.

Philippe Lançon war Zeuge und Betroffener, als gegen 11:25 Uhr zwei vermummte Attentäter die Redaktionssitzung stürmten und ohne Vorwarnung fast alle Anwesenden erschossen. Lançon überlebte mit schweren Gesichtsverletzungen, verbrachte die folgenden Monate im Krankenhaus und unterzog sich unzähligen Operationen, um seinen zertrümmerten Kiefer wiederherstellen zu lassen. Minutiös rekonstruiert der Journalist die Tage, Stunden und Minuten vor dem Attentat, jeden Gedanken, jedes Telefonat. Gedächtnislücken füllt er mit Hilfe von E-Mails und Nachrichten von Freunden und Bekannten. Der Einbruch der nackten Gewalt isoliert ihre Opfer von der Welt und von den anderen. Was anfangs noch wie der vergebliche Versuch wirkt, an das alte Leben anzuknüpfen, ist für Lançon zunehmend ein Überlebensprozess zwischen den allgegenwärtigen körperlichen Schmerzen, der Schlaflosigkeit und seinen Erinnerungen unterschiedlichster Art.

Der Fetzen, im französischen Original „Le Lambeau“, bezeichnet das Transplantat, das das Loch in Lançons Kiefer verschließen soll und das der Journalist gerne auch ironisch „das Schnitzel“ in seinem Gesicht nennt. Wenn er von den wochenlangen Torturen und dem fast intimen Zusammenleben mit seiner Ärztin, dem Pflegepersonal und den Polizisten vor seiner Tür schreibt, gleichen auch seine Reflexionen oft eher Gedanken-„Fetzen“ und -bruchstücken. Sein Bruder, seine Eltern und enge Freunde bilden einen langen Besucherreigen, der für ihn aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Das Krankenhaus ist sein geschützter Raum. Als Versehrter unter Versehrten fällt sein Verharren in einer „unterbrochenen Zeit“ nicht ins Gewicht. Seine Besucher wollen ihn von seinem Klinikalltag und den Schmerzen ablenken, mit Geschenken, auch mit mitgebrachten Büchern zerstreuen. Er aber liest wenig und wenn, dann sucht und findet er in Hans Castorp oder der sterbenden Großmutter in Prousts Suche nach der verlorenen Zeit eine Art Seelenverwandte, die ihm näher stehen als seine Lebensgefährtin Gabriela, die mehrmals aus Amerika an sein Krankenbett eilt. Nach dem Schock, der Erschütterung und der anschließenden Freude darüber, dass ihr Freund überlebt hat, folgen Unverständnis und zunehmende Ablehnung seiner Art des Weiterlebens. Immer wieder umkreist Lançon auch im Hinblick auf diese Beziehung die Idee eines vollständigen Bruchs mit der Person, die er vor dem Anschlag war.

Er empfindet tiefe Dankbarkeit für seinen Beruf, der es ihm erlaubt, sich im Schreiben nicht als ohnmächtiger Patient zu fühlen, sondern sich als Reporter und Chronist von seinen eigenen Qualen zu distanzieren. Während neue Journalisten die Überlebenden bei der Wiederaufnahme der Veröffentlichung von Charlie Hebdo unterstützen, werden auch Lançons Klinikberichte veröffentlicht. Was Gabriela als ein Suhlen im Unglück empfindet, bedeutet für Lançon die einzige Möglichkeit, das Attentat gedanklich zu überleben.

Beeindruckend ist nicht nur die absolute Offenheit und Schonungslosigkeit in der Schilderung des Erlebten, sondern auch die vollständige Abwesenheit von Hass. An keiner Stelle tauchen Rachegelüste gegenüber den Attentätern auf, die seine Kollegen getötet und sein Leben für immer verändert haben. Die langwierigen Auswirkungen eines terroristischen Anschlags auf das Leben der Opfer hingegen sind so dicht und authentisch beschrieben, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Dem übergeordneten und fast abstrakten Fanatismus der Attentäter, setzt Lançon mit seinem Buch ein extrem persönliches und auch deswegen unbedingt lesenswetes Zeitzeugnis entgegen.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt