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Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

Autor
Carr, J.L.

Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Mit einem Vorwort von Saša Stanišić
Beschreibung

Etwas mehr als 350 km nördlich von London liegt Sinderby, ein typisch englisches Dorf, in dem die männlichen Bewohner als „phlegmatischer, mit den Füßen scharrender stampfender Haufen grauer Männer“ beschrieben wird, „die dicht an dicht mit anderen grauen Männern herumstehen, unter einem grauen Himmel in einer grauen Landschaft auf ihrem grauen Lebensweg, der in Richtung städtischer Friedhof führte“.

Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten ist ein Buch für all diejenigen, die literarische Begegnungen mit fein beobachteten Eigenbrötlern zu schätzen wissen und darüber hinaus den melancholischen Beigeschmack des britischen Humors mögen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
DuMont Buchverlag, 2017
Seiten
192
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-8321-9854-1
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

J. L. CARR wurde 1912 in der Grafschaft Yorkshire geboren und starb 1994 an Leukämie. Nachdem er jahrelang als Lehrer gearbeitet hatte, gründete er 1966 einen eigenen Verlag und verfasste insgesamt acht Romane. ›Ein Monat auf dem Land‹ ist Carrs bekanntestes Werk und war 1980 für den Booker-Preis nominiert. Bei DuMont ist das Meisterwerk erstmals auf Deutsch erschienen.

Zum Buch:

Etwas mehr als 350 km nördlich von London liegt Sinderby, ein typisch englisches Dorf, in dem die männlichen Bewohner als „phlegmatischer, mit den Füßen scharrender stampfender Haufen grauer Männer“ beschrieben wird, „die dicht an dicht mit anderen grauen Männern herumstehen, unter einem grauen Himmel in einer grauen Landschaft auf ihrem grauen Lebensweg, der in Richtung städtischer Friedhof führte“.

Dass diese vermeintlich karge und deprimierende Grundausstattung des Bühnenbildes, vor dem Carr den bemerkenswerten Aufstieg der Steeple Sinderby Wanderers beschreibt, keineswegs grau und betrüblich ist, liegt sicher nur teilweise am liebenvoll britischen Blick auf den Fußballsport.

Die ausführlichen Abschweifungen des Ich-Erzählers, der – befähigt durch seinen Hauptberuf als Texter von Grußkarten – als Chronist beauftragt wurde, die Details des Sinderby- Fußballwunders für die Nachwelt festzuhalten, machen gleich am Anfang deutlich, dass es um viel mehr geht als um Fußball. Es geht um Menschen in einem abgelegenen Dorf, um wenig gastliche Lebensbedingungen, um kauzige Individualisten, deren Eigenheiten Teil einer mehr oder minder gut funktionierenden Gemeinschaft sind, und es geht vor allem um den Beweis der Hypothese, dass jeder im Leben alles erreichen kann, wenn er nur an den für ihn richtigen Platz gestellt wird.

Das ungewöhnliche Trainerteam, bestehend aus einem in Sinderby als Grundschullehrer arbeitenden Ex-Fußballprofi und einem hochmotivierten Schuldirektor mit breitem Bildungshorizont, entwickelt einen Regelkatalog, der auf brillante Weise zusammenfasst, was ein Amateurclub mit nicht vorhandenem Budget braucht, um gegen Profis bestehen zu können, und worin vielleicht sogar mögliche Vorteile ihrer Außenseiterrolle liegen könnten. Dass ein Torwart nicht notwendigerweise ein guter Fußballer sein muss und mangelnde Infrastruktur rund um ein improvisiertes Stadion manchmal auch zum Sieg verhelfen können, sind nur einige der Erkenntnisse bei der Umsetzung der am grünen Tisch vom Schuldirektor erarbeiteten Regeln.

Dass der sich entwickelnde internationale Ruhm absonderliche Blüten treibt, Horden von Journalisten und Fans ebenso erwartungsvoll wie rücksichtslos in Sinderby einfallen, die Mannschaft und das Dorf trotz plötzlicher Berühmtheit aber absolut unbestechlich bleiben, ist ausgesprochen sympathisch. Am Ende ist es eigentlich kein Fußballwunder mehr, dass es die einfachen Männer vom Land bis ins Finale des F. A. Cups im Wembleystadion schaffen. Es ist die logische Konsequenz eines gut durchdachten Weges, der – im Gegensatz zum heutigen Fußball – nichts mit Geld oder Seilschaften zu tun hat. Und das ist nicht nur für Liebhaber des runden Leders eine große Befriedigung.

Der 1912 in Yorkshire geborene und in den 1990er Jahren verstorbene J.L. Carr ist bei uns spätestens seit seiner (2016 auf Deutsch erschienenen) Erzählung „Ein Sommer auf dem Land“ kein Unbekannter mehr. Carrs leichtfüßige Ironie und die Beschreibung der skurrilen Charaktere in der Mannschaft und der Dorfgemeinschaft trägt so vergnüglich durch den Roman, dass man sein Ende nach 190 Seiten mit Bedauern zur Kenntnis nimmt.

Dieses Büchlein über den Aufstieg der Steeple Sinderby Wanderers auf einen Fußball-Roman zu reduzieren, würde ihm allerdings sicher nicht gerecht. Und es ist auch kein zweites „Fever Pitch“. Es ist ein Buch für all diejenigen, die literarische Begegnungen mit fein beobachteten Eigenbrötlern zu schätzen wissen und darüber hinaus den melancholischen Beigeschmack des britischen Humors mögen.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt