Drucken

Hagard

Autor
Bärfuss, Lukas

Hagard

Untertitel
Roman
Beschreibung

Wer vor ein paar Jahren Judith Hermanns Aller Liebe Anfang gelesen hat, mag sich bei Lukas Bärfuss‘ neuem Roman Hagard daran erinnert fühlen. Während Hermanns Erzähler die Perspektive einer geliebten, gestalkten Frau eingenommen hat, berichtet Bärfuss aus dem Blickwinkel eines Mannes, der, wie von Schicksalsfäden gezogen, einer Frau über mehrere Tage folgt. (ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Wallstein Verlag, 2017
Seiten
174
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-8353-1840-3
Preis
19,90 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Lukas Bärfuss, geb. 1971 in Thun/Schweiz. Dramatiker und Romancier, Essayist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in etwa zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.
Mit Hagard bezeichnet man wild gefangene Falken, die abgerichtet werden, sich aber nie ganz zähmen lassen.

Zum Buch:

Wer vor ein paar Jahren Judith Hermanns Aller Liebe Anfang gelesen hat, mag sich bei Lukas Bärfuss‘ neuem Roman Hagard daran erinnert fühlen. Während Hermanns Erzähler die Perspektive einer geliebten, gestalkten Frau eingenommen hat, berichtet Bärfuss aus dem Blickwinkel eines Mannes, der, wie von Schicksalsfäden gezogen, einer Frau über mehrere Tage folgt. Mit dem Schlagwort Stalking aber ist kaum das eingefangen, um was es in den Romanen eigentlich geht, oder anders gesagt: Wer sich mit dem Phänomen Stalking beschäftigt, dem seien die Romane zumindest nicht primär ans Herz gelegt. Unter dem Blickwinkel der modernen Großstadtliteratur, unter dem Blickwinkel der Vermessung unseres Gefühls der Liebe dagegen gibt es in Bärfuss’ Roman ebenso wie in dem von Hermann viel zu entdecken, auch wenn das mitunter verstörend ist. Mit ihrer wunderbar klaren poetischen Sprache beeindrucken beide Romane.

Wie kommt es, dass Philip, der Protagonist in Hagard, einer Frau über mehrere Tage folgt, obwohl er eigentlich gar nichts über sie weiß? Er kennt weder ihren Namen noch ihre Arbeit, ja, er weiß nicht einmal genau, wie sie aussieht, denn er folgt im Züricher Großstadtgewirr nur ein paar „pflaumenblauen Ballerinas“, weiblichen Fetischen wie den Körpern jener zahllosen Werbeplakate, die sich dann besonders gut als Projektionsfläche eignen, wenn sie gesichtslos bleiben. Er folgt den Ballerinas, wie sie über die Straße eilen, in die Dependance des königlich-dänischen Hoflieferanten Bang, wo ein Zettelchen abgegeben und ein Pelz ausgehändigt wird. Er folgt ihnen am Zürichsee entlang, in die Straßenbahn, in den Vorortzug, der sie nach Hause bringt, aber Philip verpasst immer wieder von Neuem den Moment, in dem er einen Blick in das Gesicht der Schuhträgerin erhaschen könnte, verpasst immer wieder den Moment des Absprungs, der Rückkehr in sein altes Leben, denn ihm ist durchaus bewusst, dass er sich seltsam verhält und immer absonderlicher wird.

Aber diese Ballerinas, dieser Pelz, sie sind wie ein Versprechen aus den Goldenen Zwanzigern; diese ratternde Straßenbahn, dieser ratternde Vorortzug sind wie Vehikel, die Philip aus seinem eingefahrenen Alltag herauskatapultieren. Ist nicht die Großstadt der Ort für neue Identitätsentwürfe? Wie losgelöst von seinem Alltag und den ewigen Verhandlungen um Grundstücke und Immobilien, bei denen er als Makler unentwegt reden, sein Gegenüber sprachlich überwältigen, krumme Geschäfte zum eigenen Vorteil abwickeln muss, wird Philip nun beinahe sprachlos: stumm folgt er seiner Angebeteten, den Spuren ihres Lebens wie ein Detektiv, der von ihr durch den Großstadtdschungel, durch die Unübersichtlichkeit des Lebens gesteuert und beruhigt wird. Der Aufladestatus des Handys beträgt nur noch 20 Prozent .

Immer wieder schaltet sich der Erzähler ein und verbalisiert die Zweifel, die auch der Leser diesem auf einmal „störrisch- sentimentalen“ und unappetitlich-aufdringlichen Philip gegenüber hat. Aber er fragt sich auch, ob das Problem weniger bei Philip als bei ihm liegt, denn „vielleicht fehlt mir die Vorstellung oder der Glaube an die glückliche Liebe“? Der „Zeitgeist“ befiehlt „Kontrolle“, aber Philip kontrolliert nicht mehr, zumindest nicht mehr so, wie man das nach bürgerlichen Vorstellungen erwarten und zu seinem Vorteil empfehlen würde. Und das ist für die Leser überraschend und beglückend zugleich, denn so wie Philip seinen Ballerinas, so folgen wir dem Roman dank einer pflaumenblau-herrlichen Sprache. Hagard hat den diesjährigen Leipziger Buchpreis trotz Nominierung zwar nicht gewonnen, der brillante und intelligente Erzähler Lukas Bärfuss hätte ihn tatsächlich aber verdient.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt