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Celan am Meer

Autor
Böttiger, Helmut

Celan am Meer

Beschreibung

In den Jahren 1960 und 1961 verbrachte Paul Celan auf Wunsch seiner Frau Gisèle de Lestrange mehrere Wochen und Monate mit seiner Familie in der nördlichen Bretagne, in Trébabu. Die archaische Landschaft mit ihren Menhiren – den stummen Monumenten aus einer Zeit vor der Schrift –, mit dem Meer, mit dem oftmals verschlossenen Himmel wurde für Celan zu einem Ort des Vertrauten, einem wahren Rückzugsort. Helmut Böttiger, mehrfach ausgezeichneter Autor und ausgewiesener Celan-Kenner, ist den Spuren des jüdischen Dichters in der Bretagne gefolgt und hat sich vor Ort eingefunden in die sprechenden Landschaften seiner Gedichte.
(ausführliche Besprechungen unten)

Verlag
Wallstein Verlag, 2017
Seiten
144
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-8353-3043-6
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Helmut Böttiger, geb. 1956, studierte Germanistik und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen, u. a. als verantwortlicher Literaturredakteur der Frankfurter Rundschau; Dissertation über Fritz Rudolf Fries und die DDR-Literatur. Er lebt seit 2002 als freier Autor und Kritiker in Berlin. Der ausgewiesene Kenner der Werke und des Lebens von Paul Celan wurde mit dem Alfred-Kerr-Preis, dem Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (für sein Buch über die Gruppe 47) ausgezeichnet.

Zum Buch:

In den Jahren 1960 und 1961 verbrachte Paul Celan auf Wunsch seiner Frau Gisèle de Lestrange mehrere Wochen und Monate mit seiner Familie in der nördlichen Bretagne, in Trébabu. Die archaische Landschaft mit ihren Menhiren – den stummen Monumenten aus einer Zeit vor der Schrift –, mit dem Meer, mit dem oftmals verschlossenen Himmel wurde für Celan zu einem Ort des Vertrauten, einem wahren Rückzugsort. Helmut Böttiger, mehrfach ausgezeichneter Autor und ausgewiesener Celan-Kenner, ist den Spuren des jüdischen Dichters in der Bretagne gefolgt und hat sich vor Ort eingefunden in die sprechenden Landschaften seiner Gedichte.

Hände und Sterne und Steine – Metaphern, die in Celans Gedichten immer wieder auftauchen –, hier haben sie ihre Entsprechung in der Landschaft, in den Grautönen von Himmel, Meer und Menhiren. Das Gelb des Ginsters, dieser stechende Pflanze, weckt in dem aus der Bukowina geflohenen Juden, dessen Eltern in einem Zwangsarbeiterlager umkamen, die Erinnerung an den Judenstern: „Ginsterlicht, gelb, die Hänge/eitern gen Himmel, der Dorn/wirbt um die Wunde …“ Böttiger formuliert den Sinn der Verwandlung von Natur in Dichtung bei Celan so: Naturmagische, menschenferne Konstellationen werden durch Dichtung in den Bereich des Menschlichen herübergeholt.

In dem behutsamen Herantasten an die Landschaft und die Worte, die sie hervorrief, schafft Böttiger nicht nur eine Annäherung an den Dichter, sein Leben und sein Schreiben; Böttigers Sprache wird selbst zum Erlebnis, wird zum poetischen Abbild von Suchen und Finden, Annäherung und Entfernung.

Celans Gedichte sind dafür bekannt, dass sie sich beim ersten Lesen dem Entziffern verschließen. Helmut Böttiger nutzt zur Deutung der Gedichte nicht nur das, was über Celan, sein Leben, sein Schaffen, seine Anfechtungen und Wahnvorstellungen bekannt ist, er ertastet sich mit offenen Augen für die Landschaft, in der sie geschrieben wurden, einen eigenen Zugang. Die Vorwürfe des Unkonkreten, Vagen, rein Wortmalenden der Gedichte Celans, sie laufen nach diesen Interpretationen ins Nichts. Ein kostbares Buch.

Susanne Rikl, München