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Alkohol

Autor
Terzijski, Kalin; Dragoeva,Dejana

Alkohol

Untertitel
Roman. Aus dem Bulgarischen von Viktoria Dimitrova Popova
Beschreibung

Dass Terzijskis Roman „Alkohol“ heißt, ist kein leeres Versprechen. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller im Bulgarien der 1990er Jahre, trinkt ständig und überall. Die alltäglichen Herausforderungen misst er in Alkoholmengen, und bald ist ihm alles eine Zumutung. Bis er sich mit Hilfe einer geheimnisvollen Telefonstimme mühsam von der Sucht befreit hat, ist ihm das Schreiben nur eine Rechtfertigung für das Trinken. So ist er eher ein dichtender Trinker als ein trinkender Dichter; Terzijskis Buch jedoch ist mehr als eine Anamnese.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
INK Press, 2015
Seiten
432
Format
Kartoniert
ISBN/EAN
978-3-906811-00-0
Preis
22,95 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Kalin Terzijski, geboren 1970 in Sofia, studierte Medizin und arbeitete als Psychiater.
Seit dem Jahr 2000 widmet er sich ganz dem Schreiben. Er veröffentlichte Erzählungen, Gedichtsammlungen sowie vier Romane. Alkohol, verfasst mit Dejana Dragoeva, war 2010 das meistverkaufte belletristische Werk in Bulgarien. Der Autor stand viermal auf der Shortlist für den Helikon-Preis und wurde 2011 für seine Erzählungen Gibt es jemanden, der dich liebt? mit dem Europäischen Literaturpreis geehrt.

Zum Buch:

Dass Terzijskis Roman „Alkohol“ heißt, ist kein leeres Versprechen. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller im Bulgarien der 1990er Jahre, trinkt ständig und überall. Die alltäglichen Herausforderungen misst er in Alkoholmengen, und bald ist ihm alles eine Zumutung. Bis er sich mit Hilfe einer geheimnisvollen Telefonstimme mühsam von der Sucht befreit hat, ist ihm das Schreiben nur eine Rechtfertigung für das Trinken. So ist er eher ein dichtender Trinker als ein trinkender Dichter; Terzijnskis Buch jedoch ist mehr als eine Anamnese.

Kalin, genannt Kajo, erzählt seine Lebensgeschichte als Karriere eines Alkoholikers, die bereits in der Kindheit begann, so eindrücklich, dass der Leser Rausch, Übelkeit und befreiende Nüchternheit beinahe körperlich nachempfindet. Seine nicht-lineare Darstellung wird immer wieder ergänzt durch Exkurse in eine Kulturgeschichte des Alkoholismus und eine psychiatrische Symptombeschreibung. Reflexionen und Zitate, zum Beispiel SMS-Texte, leiten die Kapitel ein. Der Roman erschien unter Mitarbeit von Dejana Dragoeva 2010 in Bulgarien, nun ist Kajos Geschichte „von Marta und Marto, die mit Alkohol beginnt und ohne Alkohol endet“ auch auf Deutsch erschienen.

Einige Zeit arbeitet Kajo als Psychiater. Sein Arztgehalt reicht jedoch nicht einmal für die alltäglichen Ausgaben, und so verdient er mit dem Verfassen von Texten für Zeitschriften und für das Fernsehen hinzu. Gemeinsam mit seiner Frau, die ihn nicht interessiert, und der Familie seines Bruders lebt er in äußerst beengten Verhältnissen bei seinen Eltern. Seiner Tochter gegenüber scheint er nichts als Scham zu empfinden. Immer öfter nämlich bleibt er der Familie fern, gibt seine Arbeit auf und konzentriert sich einzig auf das Schreiben – und vor allem auf das Trinken. Eine Weile versucht er, sich aktiv am Protest gegen die unhaltbaren Zustände im Bulgarien Mitte der 90er Jahre, an der Konsumgesellschaft zu beteiligen. Hin und wieder gelingt es ihm, einen Gedichtband zu veröffentlichen. Schwierigkeiten bereiten ihm aber vor allem die Präsentationen seiner Neuerscheinungen; lieber schwänzt er und sieht sich die Fernsehsendungen, in denen er eigentlich hätte auftreten sollen, mit einer Flasche Wodka im Bett an. Begegnungen mit anderen Menschen dienen nur mehr dem gemeinsamen Trinken.

Kajos Freund Martin Karbovski, ein erfolgreicher Geschäftsmann mit ausschweifendem Lebensstil, unterstützt ihn als Schriftsteller – aber auch in gewisser Weise als Trinker. Martin ist ein Spieler; von seiner sicheren gesellschaftlichen Position aus macht er öffentliche Experimente zwischen Kunst und Gesellschaftskritik. So lässt er sich etwa mit Kajos Hilfe in eine Psychiatrie einweisen. Immer mehr jedoch hat Kajo das Gefühl, selbst zu diesen Experimenten Martins zu gehören: Martin versucht, Kajo der Öffentlichkeit als romantische Verkörperung des unangepassten Dichtergenies zu präsentieren, dessen Normalität aus Rausch und Inspiration besteht.

Eines Tages jedoch taucht eine Frau in Kajos Leben auf, die Wahrsagerin Marta. Sie gibt sich als Verehrerin seiner Werke aus und ruft ihn täglich an. Sie führen lange Gespräche, in denen Kajo sich gereizt, manchmal auch zynisch, für seine Lebensführung rechtfertigt. Seinen Freunden gegenüber erzählt er belustigt oder genervt von diesen Gesprächen mit der älteren, zuweilen mystisch redenden Marta. Besonderes Interesse äußert Marta immer wieder an seinem Alkoholkonsum und dem Einfluss, den Martin auf ihn ausübt, und sie bringt Kajo dazu, darüber nachzudenken, warum er trinkt. Mehr und mehr merkt er, wie wichtig ihm diese Gespräche mit Marta werden, die er nie persönlich trifft. Zuletzt gelingt es Marta, ihm durch eine Intrige dabei zu helfen, nicht mehr zu trinken. So wird in Kajos Erzählung aus Marta eine beinahe religiöse Heilsgestalt, die ihn trotz seines Widerstands letztlich rettet.

In ihrem Vorwort beschreibt Dragoeva den Entstehungsprozess des Romans. Der inzwischen abstinente Terzijski hat ihr, die ihn noch nicht lange kennt und deshalb neutral ist, in vielen Gesprächen seine Geschichte erzählt. Aus diesen Gesprächen, die sie aufgezeichnet hat, entwickelten sie dann gemeinsam den Roman, wobei Dragoevas Aufgabe in erster Linie darin bestand, das Material zu ordnen, das auf die autobiografischen Erfahrungen Terzijskis zurückgeht; Darstellungsweise und Reflexionen jedoch weisen weit über das Einzelschicksal des Autors hinaus. Die minutiösen Schilderungen der widerlichen und traurigen Seiten des Alkoholismus, die Figur Kajo, die es zunächst darauf anlegt, kaltschnäuzig und beleidigt ins Verderben zu rennen – das alles sind keine einladenden Grundvoraussetzungen für eine entspannte Lektüre. Interessanterweise zieht es den Leser dennoch hinein in Kajos Geschichte und plötzlich wird ihm bewusst, dass aus der rauschhaften eine ästhetische Erfahrung geworden ist. So erlebt er gemeinsam mit Kajo den Wandel vom Rausch zu seiner literarischen Darstellung. Und das wiederum ist eine sehr schöne Erfahrung.

Alena Heinritz, Mainz