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Gott ist nicht schüchtern

Autor
Grjasnowa, Olga

Gott ist nicht schüchtern

Untertitel
Roman
Beschreibung

Gott ist nicht schüchtern lautet der Titel des dritten Romans von Olga Grjasnowa, wie die Autorin sagt, ein Zitat aus dem Koran, aus der 2. Sure, in der es um die Bestrafung der Ungläubigen geht – aber angesichts der Schrecken, die der IS im Namen Allahs bei der Bestrafung der Ungläubigen verübt, sollte man das Zitat nicht zu ernst nehmen. Zumindest geht es in Olga Grjasnowas Roman nicht um eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Koran. Grjasnowa schildert vielmehr den Irrsinn, den es bedeutet, als Syrer und nicht als Deutscher, Engländer oder von mir aus auch Japaner auf die Welt gekommen zu sein. Und so verfolgen wir Amal und Hammoudi von den Zeiten des arabischen Frühlings bis heute.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Aufbau Verlag, 2017
Seiten
309
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-351-03665-2
Preis
22,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku, Aserbaidschan. Längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland, Israel und der Türkei. Für ihren vielbeachteten Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt wurde sie mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und dem Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2014 “Die juristische Unschärfe einer Ehe”. Beide Romane wurden für die Bühne dramatisiert. Olga Grjasnowa lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Zum Buch:

Gott ist nicht schüchtern lautet der Titel des dritten Romans von Olga Grjasnowa, wie die Autorin sagt, ein Zitat aus dem Koran, aus der 2. Sure, in der es um die Bestrafung der Ungläubigen geht – aber angesichts der Schrecken, die der IS im Namen Allahs bei der Bestrafung der Ungläubigen verübt, sollte man das Zitat nicht zu ernst nehmen. Zumindest geht es in Olga Grjasnowas Roman nicht um eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Koran. Grjasnowa schildert vielmehr den Irrsinn, den es bedeutet, als Syrer und nicht als Deutscher, Engländer oder von mir aus auch Japaner auf die Welt gekommen zu sein. Und so verfolgen wir Amal und Hammoudi von den Zeiten des arabischen Frühlings bis heute.

2011 ist Amal kurz davor, die Schauspielschule in Damaskus zu beenden, hat bereits ein erstes Engagement für eine Fernsehserie, als die Demonstrationen gegen das Assad-Regime beginnen. Sie hat den arabischen Frühling im Internet verfolgt – auf Facebook wird heftig debattiert, und die syrische Jugend beginnt sich auf dieser Plattform zu verabreden, „kurz fühlt es sich so an, als ob alles möglich wäre, als ob sie tatsächlich das Volk wären.“ Aber dieser Traum ist schnell vorbei. Immer mehr Kommilitonen arbeiten für den Geheimdienst oder haben gute Verbindungen zur Armee, fahren in abgedunkelten Limousinen vor und sitzen mit Waffen im Unterricht.

Neben Amals Geschichte erzählt Grjasnowa die des jungen Schönheitschirurgen Hammoudi, der in Paris wohnt und arbeitet, seit einiger Zeit dort auch liiert ist und nur wegen der Verlängerung seines Ausweises zurück nach Syrien fliegen muss. Er wird nie mehr nach Paris zurückkehren, sein Ausweis wird aus unbekannten Gründen nicht verlängert, er findet sich monatelang in kafkaesken Räumen wieder, muss die Borniertheit des Beamtenapparates, die Willkür des Assad-Regimes über sich ergehen lassen, bis er schließlich aufgibt, sein altes Leben begräbt und seinen Beruf in den Dienst der Revolution, der freien syrischen Armee stellt. Fortan ist es nicht mehr seine Aufgabe, die meist ohnehin perfekten westlichen Leben mittels Schönheitschirurgie zu perfektionieren, er flickt nunmehr halb zerfetzte Körper zusammen, versucht die real verstümmelten Leben zu retten, arbeitet rund um die Uhr. Wer da kommt? Er fragt nicht. Dass er sich selbst in Gefahr begibt, er will es nicht wissen. Erst durfte er das Land nicht mehr verlassen, nun will er nicht mehr. Aufgerieben zwischen radikalen Islamisten und Assads Schergen, hat er seinen Platz gefunden.

Was wir seit Jahren in den Zeitungen lesen und die Syrer seit Jahrzehnten ertragen müssen, das alles erzählt Grjasnowa in einem unaufgeregten und dennoch sehr eindringlichen, aufklärerischen Ton. Es ist ein neuer Ton, der sich gegenüber dem Schrecklichen zurücknimmt und beinahe beiläufig davon berichtet, wie Menschlichkeit trotz allem überlebt. Diesen Roman zu lesen, verringert die Distanz zu Syrien um so viele Kilometer, wie Amal und Hammoudi gebraucht haben, um sich in Berlin kurz über den Weg zu laufen. Ankommen werden sie nie, denn, wie Grjasnowa sagt: „Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, der Refugees, Muslime oder Newcomer.“

Ines Lauffer, autorenbuchanndlung marx & co, Frankfurt