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Wahnsinn

Autor
Terzijski, Kalin

Wahnsinn

Untertitel
Herausgegeben und aus dem Bulgarischen übertragen von Viktoria Dimitrova Popova
Beschreibung

Erbarmungslos gegen sein früheres Ich portraitiert der Erzähler den Autor als jungen Psychiater, erzählt von der Liebe des jungen Mannes zu Iv mit dem orangenen Haar, den Schuldgefühlen seiner Familie gegenüber, vom Alltag in einer Psychiatrie in Sofia und von seinem allmählichen Abgleiten in den Alkoholismus. Wahnsinn ist die Vorgeschichte zu Terzijskis Roman Alkohol, der im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen ist.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
INK Press, 2016
Seiten
284
Format
Kartoniert
ISBN/EAN
978-3-906811-03-1
Preis
22,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Kalin Terzijski, geboren 1970 in Sofia, studierte Medizin und arbeitete als Psychiater. Seit dem Jahr 2000 widmet er sich ganz dem Schreiben. Er veröffentlichte Erzählungen, Gedichtsammlungen sowie vier Romane. Sein erster Roman “Alkohol” war 2010 das meistverkaufte belletristische Werk in Bulgarien. Der Autor stand viermal auf der Shortlist für den Helikon-Preis und wurde 2011 für Seine Erzählungen “Gibt es jemanden, der dich liebt?” mit dem Europäischen Literaturpreis geehrt. “Wahnsinn” ist sein zweiter Roman, erschienen 2011 bei Ciela in Bulgarien.

Zum Buch:

Erbarmungslos gegen sein früheres Ich portraitiert der Erzähler den Autor als jungen Psychiater, erzählt von der Liebe des jungen Mannes zu Iv mit dem orangenen Haar, den Schuldgefühlen seiner Familie gegenüber, vom Alltag in einer Psychiatrie in Sofia und von seinem allmählichen Abgleiten in den Alkoholismus. Wahnsinn ist die Vorgeschichte zu Terzijskis Roman Alkohol, der im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen ist.

Zu Anfang listet der gereifte Erzähler spöttisch die Gründe auf, die ihn als Medizinstudenten zur Psychiatrie brachten: die Hoffnung, im weißen Kittel Eindruck auf Frauen machen zu können, die Angst vor dem Wahnsinn und das Bedürfnis, sich aufzuopfern. Dass diese drei Motive zusammen dem jungen Terzijski kein Glück bringen, wird schnell klar. Die leidenschaftliche Liebe zu seiner Kollegin Iv kann er aus Schuldgefühlen seiner Frau und vor allem seiner dreijährigen Tochter gegenüber nicht recht genießen. Erst nach einigen Monaten und vielen betrunkenen Abenden, in denen er sich fast mit Wonne quält, beschließt er, sich von seiner Frau zu trennen. Dass er damit auch seine Tochter verliert, ist ihm nur allzu klar, er nimmt es aber schließlich in Kauf.

Gründe für seine ihn ständig quälenden Schuldgefühle sucht er nicht nur in der Entscheidung für seine Liebe zu Iv, sondern vor allem außerhalb seiner selbst: die Gesellschaft und die Eltern seien verantwortlich für sein Wissen um die eigene Unzulänglichkeit. Die Arbeit an der Klinik war bisher stets ein geeignetes Mittel, um nicht ständig an diese Schuld denken zu müssen. Als Terzijski jedoch im Begriff steht, seine Familie zu verlassen, reicht das nicht mehr; kurze Momente der Erleichterung schenkt ihm nun nur mehr der Alkohol, dem er sich immer unverhohlener hingibt. In seinem Büro lagern ständig mehrere Flaschen mit Hochprozentigem, den er mit Kranken, mit Kollegen, meistens aber allein in sich hineinkippt. Das erinnert an andere Texte schreibender Ärzte, beispielsweise Bulgakovs Aufzeichnungen eines jungen Arztes, der einen ähnlich idealistischen und in vielen Situationen doch hilflosen Arzt portraitiert, der an einem Ort außerhalb des normalen Lebens, wie Terzijskis Psychiatrie es ebenfalls ist, genau wie der junge Psychiater der Sucht verfällt.

Während Terzijski sehenden Auges immer weiter in den Wahnsinn hineinwatet, denkt er mal melancholisch, mal trotzig über das Verrücktsein nach. Die Patienten der Psychiatrie erscheinen ihm nicht als Monstren, Kuriositäten oder bemitleidenswerte Geschöpfe, die der Psychiater mit Medikamenten ruhigstellen sollte; vielmehr sieht er in ihnen ein Zeichen für die Vielfältigkeit des Menschseins. Die Verbindung aus Alkohol und dem Wahnsinn, der ihm in der Klinik natürlich ständig zu nahe rückt und der sich immer fester in ihm selbst einnistet, wird für den Psychiater Terzijski jedenfalls eine fantastische und aufreibende Erfahrung. Während seiner Nachtschichten schreibt er heimlich Drehbücher, mit denen er sein Geld verdient. Ab und zu veröffentlicht er auch kurze Erzählungen in Zeitschriften. Zwei dieser Erzählungen sind in den Roman integriert. Die eine handelt von einem Mann, der des Nachts betrunken nach Hause kommt und versucht, mit seiner Mutter ein Gespräch über Gott zu führen, das ihm immer wieder – wie schon zuvor in der Kneipe – verwehrt wird. Der Protagonist des Romans ist genauso wie dieser Mann von der Gesellschaft entfremdet und begegnet seinen Mitmenschen mit der gleichen beharrlichen, zum Teil arroganten Gekränktheit des Unverstandenen.

Denn was Terzijskis Protagonisten quält, ist im Grunde nicht die Umgebung, die ihn für seine egoistische Entscheidung verurteilt, sondern diese Arroganz des Unverstandenen, die in Aggression umschlägt. Der ältere Erzähler, ein Alter Ego des Autors, sieht das sehr genau und erzählt vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis seine Geschichte. Nur das Schreiben über diesen Zustand, eigentlich ja eine lebensferne Beschäftigung, lässt Hoffnung auf eine Rückkehr des Protagonisten ins Leben spüren – die dann im Folgeroman Alkohol auch als solche erscheint. Dieser Hoffnungsschimmer in der ansonsten trostlosen Welt des jungen Psychiaters ist weder Küchenpsychologie noch Schreibtherapie, sondern die Wirkung der unbestechlichen, vielleicht sogar göttlichen Autonomie ästhetischer Form. Dass die Geschichte trotzdem am Ende zu keinem hoffnungsfrohen Abschluss findet, ist ein Grund mehr, auch den bereits erschienen Roman Alkohol wieder zu lesen. Und das ist, neben der Lektüre von Wahnsinn, nur zu empfehlen.

Alena Heinritz, Graz