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Hana

Autor
Dones, Elvira

Hana

Untertitel
Deutsch von Adrian Giacomelli
Beschreibung

Mark Doda wird von seiner Cousine und deren Familie auf einem amerikanischen Flughafen abgeholt. Er kommt aus Albanien und möchte nun in Amerika leben. Bis er sich ein eigenes Leben aufgebaut hat, wird er bei den Verwandten leben. Doch es gibt ein Geheimnis um Mark, er wirkt nicht normal – das merkt seine jugendliche Nichte Jonida sofort. Sie fragt nach, kichert und denkt, ihr Onkel ist schwul. Welche Geschichte aber wirklich hinter der sonderbaren Erscheinung Marks steckt, vermag sie sich beim besten Willen nicht auszudenken, denn Mark – und das wird dem Leser nach und nach erzählt – ist eine sogenannte „Schwurjungfrau“.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
INK Press, 2016
Seiten
252
Format
Kartoniert
ISBN/EAN
978-3-906811-04-8
Preis
19,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Elvira Dones ist eine schweizerisch-amerikanische Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin albanischer Herkunft. Nach sieben Romanen in ihrer Muttersprache hat sie die zwei aktuellsten in ihrer adoptierten Sprache Italienisch geschrieben: Vergine giurata (2007) und Piccola guerra perfetta (2011). Ihre Bücher wurden in verschiedene Sprachen übersetzt.
Laura Bispuris Debütfilm Vergine giurata/Sworn Virgin, basierend auf Hana und mit Alba Rohrwacher als Hauptdarstellerin, wurde an der Berlinale 2015 uraufgeführt und u.a. in New York, San Francisco und Hongkong ausgezeichnet.

Zum Buch:

Mark Doda wird von seiner Cousine und deren Familie auf einem amerikanischen Flughafen abgeholt. Er kommt aus Albanien und möchte nun in Amerika leben. Bis er sich ein eigenes Leben aufgebaut hat, wird er bei den Verwandten leben. Doch es gibt ein Geheimnis um Mark, er wirkt nicht normal – das merkt seine jugendliche Nichte Jonida sofort. Sie fragt nach, kichert – und denkt, ihr Onkel ist schwul. Welche Geschichte aber wirklich hinter der sonderbaren Erscheinung Marks steckt, vermag sie sich beim besten Willen nicht auszudenken.

Mark – und das wird dem Leser nach und nach erzählt – ist eine sogenannte „Schwurjungfrau“. Geboren wurde sie als Hana, als Mädchen, das nach dem frühen Unfalltod ihrer Eltern bei Onkel und Tante in den albanischen Bergen aufwuchs. Als junge Frau gelingt es ihr dann, ein paar Semester in Tirana an der Universität Englisch zu studieren. Natürlich geht es in der Hauptstadt weltläufiger zu als in den Bergen, deren Bewohner von den Städtern als Hinterwäldler belächelt werden. Hana kennt beide Welten und fühlt sich in beiden gleichermaßen zuhause.

Als die Tante stirbt und der Onkel schwer erkrankt, kehrt sie selbstverständlich in ihr Heimatdorf zurück, um ihn zu pflegen. Ehe er stirbt, unternimmt der Onkel mehrere Versuche, sie zu verheiraten, denn als Frau alleine könnte sie in Albanien nicht leben. Sie könnte das Haus des Onkels nicht erben und wäre gesellschaftlich in keiner Weise anerkannt. Um der Verheiratung – und damit ihrer totalen Unterordnung unter einen Mann – zu entgehen, macht die 19-jährige Hana mutig und entschlossen von einem Gesetz aus dem albanischen „Kanun“, dem traditionellen Gewohnheitsrecht, Gebrauch, das bis heute Gültigkeit besitzt. Dem Kanun zu Folge kann in einer Familie, in der es keinen männlichen Nachkommen gibt, eine Frau alle Rechte und Pflichten eines Mannes übernehmen. Im Gegenzug muss sie schwören, für immer Jungfrau zu bleiben und als Mann zu leben. Hana lebt also fortan in Männerkleidern als Mark, und damit wird die Familienehre für ihren Onkel und für alle Bewohner des Dorfes aufrechterhalten.

Nachdem er viele Jahre so in den albanischen Bergen gelebt hat, erhält er Nachricht von seiner Cousine Lila, die mit ihrem Mann nach Amerika ausgewandert ist und dort eine Familie gegründet hat. Lila versucht, Mark das Leben in Amerika schmackhaft zu machen: zwar müsse man hart arbeiten, könne aber einen höheren Lebensstandard erreichen als in Albanien. Und eine weitere Überlegung ist für Mark nicht unerheblich: In Amerika könnte er wieder als Frau leben, denn dort könnte sein Schwurbruch nicht mit dem Tod bestraft werden. So beschließt er nach einigem Zögern, Albanien zu verlassen und ein neues Leben in Amerika zu beginnen. Seine Liebe zur Literatur und sein eigenes Schreiben sollen ihm dabei helfen.

Mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hat, bis er tatsächlich ein Leben als Hana führen kann, erzählt Elvira Dodes auf eindrucksvolle Weise. Für Mark ist es nicht leicht, wieder als Hana zu leben: „Du kannst nicht eines Tages ein Mann werden und am nächsten ein Tiger oder eine Giraffe.“ Nicht nur darum aber geht es in dem Roman. Er stellt auch ganz allgemein die Frage danach, wie wir leben sollen und wofür. Dass uns diese Frage bei der Lektüre immer näher auf den Leib rückt, ist ein besonderer Verdienst dieses besonderen Romans.

Alena Heinritz, Graz